Stalin-Platz

Jossif Wissarionowitsch Stalin (eigentlich Dschugaschwili) 1879-1953

Jossif Wissarionowitsch Stalin
(eigentlich Dschugaschwili) 1879-1953

Am 8. Mai 1946, ein Jahr nach Ende des 2. Weltkrieges, beschloss der Zwettler Gemeinderat einstimmig, den Hauptplatz „in Würdigung der Verdienste der Roten Armee um die Befreiung der Stadt Zwettl vom Joch des Hitlerfaschismus“ in Stalin-Platz umzubenennen.
Am 7. Mai 1945 hatte zunächst Generaloberst Alfred Jodl im Hauptquartier des westalliierten Oberbefehlshabers General Eisenhower in Reims die deutsche Gesamtkapitulation unterzeichnet, und am 9. Mai wiederholte Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel diesen Akt im sowjetischen Hauptquartier in Berlin-Karlshorst. In der Nacht vom 8. zum 9. Mai 1945 hatte in Zwettl Dr. Hugo Jury, der Gauleiter von Niederdonau, im Haus Gerungser Straße 10 Selbstmord begangen, und am frühen Nachmittag des 9. Mai rückten die ersten Einheiten der Roten Armee über die Kremser Straße in die Stadt ein.
An der Festsitzung des Zwettler Gemeinderates vom 8. Mai 1946 nahmen auch Bezirkshauptmann Hofrat Dr. Wolfgang Lackenbacher und als Vertreter der sowjetischen Stadtkommandantur Capitän Worabloff teil. Bürgermeister Johann Winkler (SPÖ) sagte in seiner Festrede unter anderem: „... Ich fühle mich veranlasst namens der gesamten Bevölkerung der Stadt der siegreichen Roten Armee für ihre Befreiung den wärmsten Dank zu sagen. [...] Es ist 1 Jahr, dass die Waffen ruhen. Österreich ist in den Krieg hineingezettelt worden, Österreich hat nie den Krieg gewollt und ist auch nicht so zu behandeln wie das Deutsche Reich. Die Rote Armee und die alliierten Mächte werden das einsehen und werden uns ehestens unsere freie Bahn, so wie wir sie uns hoffen, geben. Wenn wir in Zwettl von dem furchtbaren Krieg auch nicht viel gespürt haben, tragen wir trotzdem bittere Sorgen an den Opfern, die uns der Krieg abgerungen hat. Schwere und traurige Opfer waren es, die wir bringen mussten für den Faschismus.
Werte Anwesende! Wie ich schon erwähnt habe, wurde unser Gebiet hier nicht durch Kriegshandlungen irgendwie geschädigt, aber der Truppenübungsplatz wurde vom Hitler-Faschismus als die Brutstätte zur Vernichtung der Menschheit herangezogen. Eine unserer größten Bitten und Wünsche ist es, dass uns dieses fruchtbare Gebiet von Seite der Besatzungsmacht zur Verfügung gestellt wird, dass wir endlich mit der Bebauung beginnen können...“
Nach dem einstimmigen Beschluss, dass der Hauptplatz in Hinkunft „Stalin-Platz“ heißen solle, ergriff auch Capitän Worabloff das Wort und überbrachte „ ... im Namen der Stadtkommandantur den herzlichen Dank mit dem Wunsche, dass die Zusammenarbeit wie sie jetzt gewesen ist, auch weiterhin gepflogen werden möchte.“

Urkunde vom 8. Mai 1946 (StAZ, Sign. 1/102)

Urkunde vom 8. Mai 1946
(StAZ, Sign. 1/102)

Wie Beteiligte später mitteilten, kam dieser Beschluss nur über ausdrücklichen Wunsch und unter massivem Druck der Besatzungsmacht zustande. Hausummern und Straßentafeln mit der neuen Bezeichnung „Stalin-Platz“ wurden von der Stadtgemeinde nicht angeschafft. Die alten Schilder mit dem ab 1938 offiziellen Namen „Adolf-Hitler-Platz“ hatte man wohlweislich schon vor dem 9. Mai 1945 entfernt. Heute finden sich an manchen Häusern (z. B. Hauptplatz 11, Apotheke) noch Tafeln mit der seit 1914 gültigen Bezeichnung „Kaiser Franz-Joseph-Platz“. Die Bevölkerung aber blieb auch nach dem Beschluss vom 8. Mai 1946 bei der alten Bezeichnung „Hauptplatz“.