1618: Die Böhmen in Zwettl

Nach dem Prager Fenstersturz (23. Mai 1618) begann die neue Regierung in Böhmen sofort mit der Anwerbung von Truppen, und im September 1618 konnte man tatsächlich eine Armee von etwa 12.000 Mann unter dem Oberkommando von Graf Matthias Thurn aufstellen. Aber auch in Österreich rüstete der kaiserliche Hofkriegsrat zum Krieg. Die Truppen wurden bei Waidhofen an der Thaya und Retz zusammengezogen. Ein Korps kommandierte Oberst Heinrich Duval Graf von Dampierre, das andere der General-Kriegskommissär Hans Eusebius Freiherr von Khuen. Beide standen unter dem Oberbefehl von Karl Graf von Buquoy. Sie drangen Ende August in Böhmen und Mähren ein, konnten allerdings nicht die erwarteten militärischen Erfolge erringen. Währenddessen rückten Streifscharen Thurns unter dem Kommando des Grafen Heinrich Schlick in das Waldviertel vor und setzten sich in weiterer Folge in den Städten Weitra und Zwettl fest.

Helmbarten im Stadtmuseum ZwettlFoto: Werner Fröhlich, Zwettl

Helmbarten im Stadtmuseum Zwettl
Foto: Werner Fröhlich, Zwettl

27. November 1618: Die Böhmen erobern Zwettl
Nachdem die Böhmen durch Kundschafter festgestellt hatten, dass sich in der Stadt Zwettl keine besonders starke Besatzung befand, rückten sie in den Nachtstunden des 27. November heimlich vor die Stadt. Sie verhielten sich sehr leise, besetzten den Oberhof, befahlen den dortigen Bauern absolute Ruhe und sammelten alle verfügbaren Leitern ein. Dann zogen sie vor das Oberhofer Tor, wo ein Bürger Wache hielt, der sofort schrie, wer da sei und was man wolle. Unwirsch riefen sie zum Tor hinauf: „Du Nichtsnutz, öffne sofort das Tor, oder wir werden dich mit einer Kugel durchbohren!“ Der Wächter, der glaubte, es mit Kaiserlichen zu tun zu haben, antwortete entrüstet: „Warum kommt ihr nicht am Tag, wenn ihr etwas haben wollt? Wartet also, bis ich zum Richter gehe und den Torschlüssel hole.“ Als er wegging, brachen sie das erste Tor mit einer Petarte (= geballte Sprengladung, um Mauern oder Tore zu brechen) auf. Von der starken Zugbrücke aufgehalten, gelang es ihnen mit den mitgebrachten Leitern die Bastei zu überwinden. Beim Versuch, auch das innere Tor aufzusprengen, fing der Torturm Feuer. Letztlich brachen sie das Tor mit Äxten auf. Inzwischen hatten die Mannschaften der beiden benachbarten Türme (Sattig- und Schulturm) auf die Eindringlinge zu schießen begonnen, was diese aber nicht aufhalten konnte. Obwohl die Bürger aus ihren Fenstern auf die Feinde schossen und die kaiserliche Besatzung auf dem Platz beim Rohrbrunnen (Dreifaltigkeitsplatz) Aufstellung genommen hatte und sich nach Kräften wehrte, gewannen die Böhmen die Oberhand und eroberten die Stadt.
Auf beiden Seiten gab es große Verluste. Zahlreiche Eindringlinge fielen, unter ihnen auch ein Hauptmann namens Capliers. Die kaiserlichen Soldaten und die bewaffneten Bürger wurden teils getötet, wie zum Beispiel die fünfköpfige Familie Fasching, teils gefangen genommen. Häuser wurden geplündert und unschuldige Menschen misshandelt. Die Feinde beraubten auch das Spital und die Pfarrkirche. Der Pfarrvikar Georg Kramer konnte als Müller verkleidet unerkannt entkommen.
Als die Stadt genommen war, sandte Graf Thurn eine Abteilung Soldaten auf die Propstei. Propst Caspar Quork hatte die Flucht ergriffen, in der Aufregung aber auf seinem Tisch 600 Gulden liegen lassen, die nun in die Hände der Feinde fielen. Das war ein beachtlicher Betrag. Zum Vergleich: 1622 zahlte man in Zwettl einem Maurer oder Zimmermann pro Tag 20 Kreuzer - ohne Kost und Trunk. Ein Gulden entsprach also drei Tageslöhnen. Die Propsteikirche wurde von den Böhmen mit Kanonen beschossen und eingenommen. Danach machten sie die Kirche zum Stall und richteten dort auch eine Schlachtbank ein. Das Propstei-Areal wurde befestigt, um es gegen die kaiserlichen Truppen verteidigen zu können.
Anfang Dezember 1618 war also das gesamte nördliche Waldviertel - mit Ausnahme der Städte Drosendorf und Waidhofen an der Thaya - in den Händen der böhmischen Rebellen. Graf Thurn zog mit seinen Soldaten aus Zwettl ab und setzte einen gewissen Georg Ebenberger zum Stadtkommandanten ein, der hier ein strenges Regiment führte, hohe Lebensmittel- und Weinlieferungen forderte und die Bevölkerung mit der Ankündigung öffentlicher Enthauptungen einschüchterte, die er jeweils zwischen 4 und 5 Uhr abends durchführen lassen wollte.

Die „Befreiung“ durch kaiserliche Truppen
Im Juni 1619 rückten kaiserliche Truppen unter Graf Dampierre zur Befreiung der Stadt über Rudmanns gegen Zwettl vor. Auf diese Nachricht hin ließ Ebenberger zwei Stadttürme abbrechen und die Stadtmauer am oberen Tor in einer Länge von 24 Klaftern niederreißen (1 Klafter = rund 1,8 m). Auch in das Stift Zwettl drangen die Böhmen ein, sie raubten und plünderte. Danach öffneten sie das Zeughaus und nahmen alle brauchbaren Waffen mit. Obwohl die Böhmen die Propstei zur Festung ausgebaut hatten, wollten sie diese gegen die starken kaiserlichen Entsatztruppe unter Dampierre nicht halten. Bevor die Feinde am 24. Juni 1619 nach siebenmonatiger Besatzung mit allen Geschützen abzogen, plünderten sie die Propstei und beschädigten die Gebäude so stark, dass sie unbewohnbar wurden. Der Propst bezifferte den angerichteten Schaden später mit insgesamt 18.000 Gulden.
Ein zeitgenössisches Schriftstück aus dem Zwettler Stadtarchiv schilderte den Abzug der Böhmen folgendermaßen: „Da Sie nun gesehen ihres bleibens nimmer alda zu seyn, de novo wider die ganze Statt Spoliern [= plündern, rauben, berauben] und blündern lassen, massen dan auch der Kirchen zier nit verschont worden, Item in den Häusern, die Fenster, Öfen, Cästen, Trüchern, Tisch, Pänck, und in Summa alles so nicht woll zu beschreiben, zerschlagen, zerschmettert, wie auch etliche Stückl [kleine Geschütze] so bey gmainer Statt gewesen mit ihnen hinweg gefürth, an villen orthen haimbliches Feur gelegt, dass also, wo die Burgerschafft nit embsiger alß bald nachgesucht hätte, das ganze Stättl erbärmlicher weiß in Rauch aufgangen wehre.“ [Stadtarchiv Zwettl, Kart. 13, „Wahrer und Gründlicher Bericht“]

Hakenbüchse, Stadtmuseum ZwettlFoto: Werner Fröhlich, Zwettl

Hakenbüchse, Stadtmuseum Zwettl
Foto: Werner Fröhlich, Zwettl

Nach dem Abzug der Böhmen kamen kaiserliche Truppen in die Stadt. Es waren das vor allem Teile des Fuchs’schen Regiments und Montecuccoli’sche Reiter, die sich teilweise schlimmer als die Feinde verhielten. Sie verlangten von jedem Haus hohe Abgaben, nahmen aus dem Keller der Propstei 600 Eimer Wein (1 Eimer = rund 56 Liter), zerschlugen in der Kirche die Altäre, entweihten die Gräber und machten den Pfarrhof zur Ruine. Hauptmann Adrian von Nullandt, der örtliche Kommandant des Fuchs’schen Regiments, teilte der Stadt am 18. Februar 1620 mit, dass noch am selben Tag 4.000 Mann neapolitanische Infanterie, die von Spanien geschickt worden war, in Zwettl einrücken werde. Er selbst blieb mit seinem Fähnlein Infanterie 15 Monate in Zwettl. Oberstleutnant Ernst Montecuccoli hielt sich mit seinen Reitern durch vier Monate hier auf.
In den umliegenden Dörfern erging es den Bauern oft noch ärger als den Stadtbewohnern, da die Soldaten fern von ihren Kommandanten ihrer Raubsucht, Geldgier und Grausamkeit keinen Zwang antaten. Die Bewohner ganzer Dörfer flohen und suchten in der Stadt und im Stift Schutz. Da die Felder verwüstet und nicht bebaut waren, brach bald Not an Lebensmitteln und an Futter für das Vieh aus.

F. Moll, 12/03

Literatur:
Doris Gretzel, Die landesfürstliche Stadt Zwettl im Dreißigjährigen Krieg (geisteswissenschaftliche Diplomarbeit, Wien 2003) S 60-66.

Thomas Kühtreiber/Roman Zehetmayer, Zur Geschichte des Propsteiberges. = Zwettler Zeitzeichen 2 (Zwettl 1999) S 36 f.

Walter Pongratz, Der Dreißigjährige Krieg und der Kauf der landesfürstlichen Ämter. In: Hans Hakala/Walter Pongratz, Zwettl-NÖ I. Die Kuenringerstadt (Zwettl 1980) S 63-67.

Josef Traxler, Geschichte der Stadt. In: Zwettl 1896. Festschrift aus Anlass der Eröffnung der Localbahn Schwarzenau-Zwettl und zur Feier der Jubiläen der Sparcasse und der Volks- und Bürgerschule Zwettl (Zwettl 1896) S 14 f.