1955: Ende der Besatzungszeit

Das Ende der Besatzungszeit in Zwettl
Schwierige Lage in der sowjetischen Besatzungszone Auch wenn im Laufe der Monate nach Kriegsende die Übergriffe der Besatzungsmacht deutlich nachließen, lebte die Bevölkerung im Osten Österreichs noch viele Jahre in Angst und Unsicherheit, und die Wirtschaft in der sowjetischen Besatzungszone wollte im Gegensatz zu den anderen Bundesländern einfach nicht so recht in Schwung kommen. Dazu trug nicht zuletzt die Beschlagnahmung des sogenannten „Deutschen Eigentums“ durch die Sowjets bei. Damit gingen ab Juni 1946 in Niederösterreich rund 700 Fabriken, Handelsunternehmen, die gesamte Mineralölwirtschaft und die DDSG in sowjetischen Staatsbesitz über. Es entstand unter dem Kürzel USIA (= Verwaltung des sowjetischen Vermögens im östlichen Österreich) ein Wirtschaftsimperium, außerhalb der österreichischen Finanz- und Wirtschaftsgesetze, das dem Staat und der Privatwirtschaft erheblichen Schaden zufügte. In Zwettl gehörten das OROP-Tanklager an der Schwarzenauer Straße (heute städtischer Bauhof) und seit 1952 eine Gemischtwarenhandlung, der sogenannte Russen-Konsum in der Schulgasse, dessen Zentrale sich in Allentsteig befand, zur USIA. Als im Herbst 1950 von Bundesregierung und Sozialpartnern das vierte Lohn- und Preisabkommen ausgehandelt wurde und die kommunistische Partei aus Protest dagegen für den 4. Oktober zum Generalstreik aufrief, beteiligten sich auch die Arbeiter und Angestellten der USIA-Betriebe im Bezirk Zwettl an diesem Ausstand. Bei der Forstverwaltung in Schloss Rosenau waren das 12 Arbeiter, im OROP-Tanklager in Zwettl 7 sowie im Bereich des USIA-Konsums Allentsteig rund 40 Arbeiter und Angestellte. Es kam aber im Bezirk Zwettl, im Gegensatz zu anderen Regionen Niederösterreichs, zu keinen Zwischenfällen oder Ausschreitungen.
Ab 1946 wurden alljährlich im April Befreiungsfeiern anlässlich des Sieges der Roten Armee über Hitlerdeutschland abgehalten. An diesen Festen sollte die Bevölkerung möglichst zahlreich teilnehmen, das „offizielle Zwettl“ war selbstverständlich zur Teilnahme verpflichtet. Zumindest in den ersten Nachkriegsjahren blieben an diesen Tagen Ämter und Betriebe geschlossen. Auch Weihnachtsfeiern hielt die Besatzungsmacht ab. Es waren vor allem die Schulen, die bei diesen Veranstaltungen für Teilnehmer sorgen mussten.

1955: zwei Befreiungsfeiern in einem Jahr
Am 14. April 1955 fand beim Russenfriedhof auf dem Propsteiberg anlässlich des zehnten Jahrestages der Niederwerfung Hitler-Deutschlands die letzte derartige Befreiungsfeier in Zwettl statt. Sie war von der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft organisiert worden. Bürgermeister Hermann Feucht eröffnete in seiner Funktion als Präsident dieser Gesellschaft. Danach sprach der Stadtkommandant von Allentsteig über die Friedensbemühungen des Sowjetvolkes. Diese Rede wurde von einem Offizier der Kommandantur übersetzt. Anschließend referierte Leopold Rötzer, ein Funktionär der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft, über die Verdienste der Roten Armee bei der Befreiung Österreichs. Nach Kranzniederlegungen am Obelisken in der Mitte des Friedhofs ertönten aus dem Lautsprecher die Hymnen Österreichs und der Sowjetunion. An der Feier nahmen etwa 20 bis 30 Personen, meist Vertreter von Ämtern und Behörden sowie Mitarbeiter der USIA-Betriebe, außerdem ca. 150 Schulkinder und etwa ebenso viele Soldaten der Besatzungsmacht teil.

Der „Russenfriedhof“ auf dem Propsteiberg in Zwettl, Foto: Josef Frank, um 1960

Der „Russenfriedhof“ auf dem Propsteiberg in Zwettl
Foto: Josef Frank, um 1960

Fast auf den Tag genau einen Monat später wurde im Schloss Belvedere in Wien der Österreichische Staatsvertrag unterzeichnet, der unserem Land endlich die ersehnte Freiheit brachte, und am 19. September 1955, eineinhalb Wochen vor der vom eigenen Verteidigungsministerium gesetzten Frist, verließ der letzte sowjetische Soldat Österreich.

Zwettl im Jahr 1955

Zwettl im Jahr 1955

Am 25. Oktober 1955 fand in Zwettl (wie in vielen anderen Städten Österreichs auch) nochmals eine Befreiungsfeier statt. In ihr gedachte man aber nun nicht nur des Kriegsendes, sondern der Befreiung Österreichs von NS-Herrschaft und Besatzungsmacht.
Veranstalter des Festes war die Stadtgemeinde gemeinsam mit den örtlichen Schulen. Die Gemeinde rief alle Zwettler zur Teilnahme an der Veranstaltung und zur Beflaggung der Häuser auf. Nach dem Wunsch der Veranstalter sollte dieses Fest vor allem bei der Jugend einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Die Teilnehmer versammelten sich um 19 Uhr auf dem Syrnauer Platz. Von dort zog man mit Fackeln und Lampions unter Begleitung der Musikvereins-Kapelle über Landstraße, Bahnhofstraße, Berggasse, Neuen Markt und Hamerlingstraße zum Hauptplatz. Dort hielt Bürgermeister Hermann Feucht die Festrede. Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums und des Instituts der Schulschwestern trugen Gedichte, Sprechchöre und Lieder vor.
Als im darauffolgenden Jahr der Zwettler Bezirkshauptmann Hofrat Dr. Franz Hradil mit der Frage konfrontiert wurde, ob auch 1956 wieder Befreiungsfeiern im Andenken an den Sieg der Roten Armee stattfinden sollten, bemerkte er dazu am 3. April in einem Rundschreiben: Da Österreich von den Befreiern befreit und frei ist, werden Befreiungsfeiern als überholt nicht mehr stattfinden.

Friedel Moll, Mai 2005

Literatur:
Helmuth Feigl/Andreas Kusternig, Die USIA-Betriebe in Niederösterreich. Geschichte, Organisation, Dokumentation. Studien und Forschungen aus dem Niederösterreichischen Institut für Landeskunde 5 (Wien 1983).

Josef Leutgeb, Befreit aber nicht frei. In: Hans Hakala/Walter Pongratz, Zwettl-NÖ I. Die Kuenringerstadt (Zwettl 1980) S 142-157.

Stefan Karner/Barbara Stelzl-Marx (Hg.), Die Rote Armee in Österreich. Sowjetische Besatzung 1945-1955 (Graz-Wien-München 2005).