
Blick vom Weißen Berg auf die Stadt Zwettl, Kolorierte Lithographie 1837/38
© Stadtarchiv Zwettl
Dass die Pest im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit in Europa, Asien und Afrika wütete und Millionen Menschenleben forderte, ist allgemein bekannt, ebenso, dass man lange Zeit kein wirksames Mittel gegen diese Seuche fand. Nicht weniger verheerend wütete aber früher eine andere Krankheit, von der im Laufe der Zeit nahezu die gesamte Weltbevölkerung betroffen war, nämlich die Pocken, auch Blattern oder Variola genannt.
Diese für den Menschen äußerst gefährliche Infektionskrankheit wird von Pockenviren verursacht. Durch ihre hohe Infektiosität und Letalität gehört sie zu den schlimmsten Erkrankungen des Menschen. Pocken werden direkt von Mensch zu Mensch durch Tröpfcheninfektion zum Beispiel beim Husten übertragen. Die Übertragung kann aber auch durch Einatmen von Staub passieren, der beispielsweise beim Ausschütteln von Kleidung entsteht.
Am Beginn der Erkrankung kommt es zu schwerem Krankheitsgefühl, Kopf- und Rückenschmerzen mit hohem Fieber. Nach einiger Zeit treten typische Hauterscheinungen auf. Es bilden sich nahezu am ganzen Körper Pusteln (Eiterbläschen), die etwa zwei Wochen nach Krankheitsausbruch eintrocknen, aber deutlich erkennbare Narben hinterlassen. Oft verläuft die Krankheit tödlich, die geschätzte Sterblichkeitsrate liegt bei etwa 30 Prozent.[1]
Pocken sind vermutlich schon seit Jahrtausenden bekannt. Wahrscheinlich traten sie vor 12.000 Jahren bei den ersten Siedlungen im Nordosten Afrikas auf. Schon in der Antike breiteten sie sich bis zur Donau und zum Rhein aus. im Mittelalter und in der frühen Neuzeit dezimierte die Krankheit in Seuchenzügen die Bevölkerung. Europäische Eroberer brachten sie im 16. Jahrhundert nach Amerika, wo sie unter der einheimischen Bevölkerung in verheerenden Epidemien wütete. Ab dem frühen 18. Jahrhundert häuften sich in Europa die Pockenfälle und die Krankheit löste die Pest als gefürchtetste und verheerendste Seuche ab. Damals starben in Europa nach Schätzungen jedes Jahr 400.000 Menschen an den Pocken, und ein Drittel der Überlebenden erblindete. Besonders traf die Krankheit zunächst Kleinkinder.
Maria Theresia und die Pocken
Krankheiten machen auch vor Schlossmauern nicht Halt. Als im 18. Jahrhundert über Europa und damit auch über Österreich eine Pockenwelle hereinbrach, war auch das habsburgische Herrscherhaus davon betroffen. Maria Elisabeth (1743–1808), das sechste Kind Maria Theresias, die als besonders hübsches Mädchen beschrieben worden war, erkrankte in jungen Jahren an den Pocken. Die Krankheit entstellte sie derart, dass sie unverheiratet blieb und ihr weiteres Leben zurückgezogen und verbittert verbrachte. Karl Joseph, der zweite Sohn der Kaiserin, starb 1761 mit knapp 16 Jahren an den Pocken. Johanna, das elfte Kind der Herrscherin, starb 1762 mit zwölf Jahren ebenfalls an den Pocken, und auch Maria Josepha, die Zwölfte in der langen Kinderreihe der Kaiserin, erlag ebenfalls den Pocken mit 16 Jahren knapp vor ihrer Verehelichung im Jahr 1767. Trotz der Warnung durch ihre Ärzte ließ es sich Maria Theresia aber nicht nehmen, ihre Kinder am Krankenbett zu betreuen, und so erkrankte auch sie an den Pocken. Zwischen 24. Mai und 14. Juni 1767 lag sie mit hohem Fieber darnieder und kämpfte mit dem Tod.
Joseph II., ihr Sohn und Mitregent, ordnete an, dass im ganzen Land Bittgottesdienste abzuhalten waren, bei denen um die Genesung der Kaiserin gebetet wurde. Als sie die Krankheit überwunden hatte, hielt man in den Kirchen im Land Dankmessen ab. Mit Sicherheit war auch die Kaiserin nach der Pockenkrankheit entstellt. die Pusteln hinterließen immer deutliche Narben. Auf den zahlreichen Porträts der Herrscherin ist davon aber nichts zu sehen. Die Maler verschwiegen der Nachwelt diesen Makel.
Die Pocken in Zwettl
Im 18. Jahrhundert suchten die Pocken in Wellen mit kurzen zeitlichen Abständen Wien heim, wie zum Beispiel 1753, 1761, 1767, 1777 und 1787. In der Haupt- und Residenzstadt entfielen damals 18 % aller Sterbefälle auf diese Krankheit. Die Todesfälle betrafen überproportional häufig Kinder, doch auch immer wieder Erwachsene. Über die Pockenepidemien abseits der Großstadt lassen sich bis zum späten 18. Jahrhundert kaum fundierte Aussagen treffen, finden sich doch in den Sterbebüchern der Pfarren nur vereinzelt Eintragungen zur Todesursache der Verstorbenen. Erst nach der Verordnung Kaiser Josephs II. vom 20. Februar 1784 über die Führung der Matrikenbücher und die Totenbeschau ändert sich das. Ab 1785 lassen sich in den Pfarren der heutigen Stadtgemeinde Zwettl-NÖ einzelne Pockenfälle nachweisen. 1787/88 kam es dann auch hier zu einer massiven Krankheitswelle, von der vor allem die Stadt Zwettl und Friedersbach betroffen waren. Der Seuche erlagen in beiden Pfarren in Summe 20 Menschen, durchwegs Kinder bis zu vier Jahren. Die nächste Krankheitswelle im Jahr 1795 forderte im Pfarrgemeindegebiet von Zwettl 36 Tote. Besonders hart traf es die Familie Hebenstreit in Moidrams Nr. 1, hier starben am 11. Mai die Töchter Klara und Magdalena, zweieinhalb und ein Jahr alt sowie die Familie Gruber in Syrafeld Nr. 7, wo die Pocken am 21. Mai die Töchter Anna Maria, vier Jahre und Magdalena, ein Jahr alt, hinwegrafften. In der Stadt Zwettl selbst starben damals 22 Personen an den Pocken, das war fast ein Drittel aller Todesfälle in diesem Jahr. In der Pfarre Rieggers starben im selben Jahr 16 Kinder im Alter von neun Monaten bis zwölf Jahren an den Pocken.
In den Jahren 1801, 1806, 1807 und 1812 kann man von wahren Epidemien sprechen, von denen die Bevölkerung im Raum Zwettl heimgesucht wurde.
Ort/Pfarre
| Zahl der Pockentoten
| Anteil an der Gesamtzahl der Todesfälle im Ort in diesem Jahr
| Anmerkungen
|
|---|
Germanns
| 2 | 67 %
| Die Kinder Michael (6 Jahre) und Anna Maria (7 Jahre) der Familie Engelmeier (Germanns 20) sterben am 20. Mai.
|
Gschwendt
| 10 | 67 %
| Im Juni verstarben die Söhne Leopold (4 ½ Jahre) und Mathäus (1 ¾ Jahre) der Familie Holzinger, Gschwendt 12, an den Pocken.
|
Jahrings
| 6 | 67 %
| Die Kinder der Taglöhnerin Anna Maria Wießmüllerin, Benedikt (6 Jahre) und Sebastian (6 Monate) sterben innerhalb weniger Tage an den Pocken.
|
Kleinotten
| 6
| 71 %
| Kinder zwischen 9 Monaten und 6 Jahren
|
Marbach/Walde (mit Annatsberg)
| 11
| 61 %
| Kinder zwischen ½ Jahr und 6 Jahren
|
Moidrams
| 5
| 45 %
| Kinder zwischen 1 ½ und 6 Jahren
|
Niederglobnitz
| 4
| 50 %
| Kinder zwischen 1 ½ und 3 ½ Jahren
|
Oberstrahlbach (Pfarre)
| 23
| 40 %
| Innerhalb einer Woche verstarben Laurenz (5 Jahre) und Juliana (3 Jahre) Krenn, Unterrabenthan 23.
|
Schloß Rosenau (mit Niederneustift)
| 11
| 45 %
| durchwegs Kinder zwischen einem und sieben Jahren
|
Stift Zwettl (Pfarre)
| 59
| 56 %
| Im Juli starben drei Kinder der Familie Floh (Rudmanns 16) im Alter von 1 ½, 4 und 5 ½ Jahren.
|
Zwettl (mit Oberhof)
| 57
| 40 %
| Kinder bis zum Alter von 10 Jahren
|
1806 forderten die Pocken in Rieggers 33 Opfer, in Zwettl 31. Das waren 91 % bzw. 34 % aller Kinder, die in diesem Jahr in jeder der beiden Pfarren verstarben. 1807 vermerkte Philipp Kirschenhofer, der Pfarrer von Friedersbach im Sterbeprotokoll, dass während der aktuellen Blatternepidemie 23 Personen, ebenfalls durchwegs Kinder, verstorben waren. Das waren 72 % aller Todesfälle von Kindern im Alter bis zu 15 Jahren in der Pfarre.
In den 1810er-Jahren gingen die Opferzahlen etwas zurück, waren aber mancherorts noch beängstigend hoch, vor allem in den Dörfern. So gab es 1818 in Rieggers noch zwölf Pockentote und in Jahrings lag die Pocken-Sterberate bei 63 %.[2]
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Pocken, Abfrage Dezember 2020.
[2] Alle Zahlen aus den Sterbematriken der jeweiligen Pfarren, zu finden in: Matricula, https://data.matricula-online.eu/de/oesterreich/st-poelten/.