Vor 70 Jahren: Flüchtlingselend auch in Zwettl
In den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs flüchteten tausende Menschen vor der rasch vorrückenden Roten Armee in den Westen. Viele von ihnen wurden vom Kriegsende überrascht und blieben dort hängen, wo sie sich beim Eintreffen der siegreichen Roten Armee gerade befanden. Für manche war das das Waldviertel, wie zum Beispiel für die Familie Härtling, die aus Olmütz (Olomouc) kommend im Mai 1945 dem Vater nachreiste, der als Unteroffizier zuletzt auf dem Truppenübungsplatz Döllersheim stationiert war. Sie fanden in Zwettl bei Bekannten vorübergehend Quartier. Obwohl schon aus der Wehrmacht entlassen, geriet Vater Rudolf Härtling– wie viele seiner ehemaligen Kameraden auch – bereits nach Kriegsende in Zwettl in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Er starb im Lager Edelbach auf dem Truppenübungsplatz an Typhus. Seine Familie fand letztlich im Frühjahr 1946 in Nürtigen in Baden Württemberg ein neues Zuhause. Jahre später verarbeitete der 1933 geborene Sohn Peter Härtling, nunmehr bereits hochgeachteter und renommierter Schriftsteller, seine Jugenderinnerungen in mehreren literarischen Werken, wie zum Beispiel: „Zwettl, Nachprüfung einer Erinnerung“ (1973), „Nachgetragene Liebe“ (1980) oder „Leben lernen. Erinnerungen“ (2003). http://www.haertling.de/
Nach der Kapitulation des Deutschen Reiches kam es zu einer entgegengesetzten Wanderbewegung. Unzählige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Polen und der UdSSR waren nun wieder frei geworden und machten sich auf den Weg in ihre Heimat. Am 29. Mai 1945 ordnete die Bezirkshauptmannschaft Zwettl über Befehl des Ortskommandanten der Roten Armee an, dass alle Flüchtlinge, Evakuierte und Durchreisende den Bezirk binnen 48 Stunden zu verlassen hätten. Ein Auftrag, der kaum durchzuführen gewesen sein wird, da keine Transportkapazitäten vorhanden waren.
Ende Mai 1945 verschärfte sich die Flüchtlingssituation im nördlichen Niederösterreich neuerlich dramatisch, weil die deutschsprachige Bevölkerung aus Böhmen und Mähren gewaltsam vertrieben wurde. Unzählige Flüchtlinge, vorwiegend Frauen, Kinder und alte Männer mussten über Nacht ihre Heimat verlassen. Eine Liste vom 7. August 1945 im Bestand des Stadtarchiv Zwettl nennt 101 Personen, die aus der Tschechoslowakei ausgewiesen worden waren und meist vorübergehend in Zwettl unterkommen konnten. Die vage Hoffnung, dass sie bald wieder in ihre angestammte Heimat zurückkehren würden, zerschlug sich rasch. Die österreichischen Behörden und große Teile der Bevölkerung sahen in den Flüchtlingen keine Landsleute sondern „Reichsdeutsche“, die man möglichst bald loswerden wollte.
Ein Zuzug von Flüchtlingen aus den Sudentenländern oder aus Jugoslawien nach Wien sollte nach Meinung der Regierungs- und Verwaltungsbehörden unter allen Umständen verhindert werden, wie einem Auftrag des provisorischen Bezirkshauptmannes in Zwettl Dr. Wolfgang Lackenbacher vom 8. September 1945 zu entnehmen ist. Man wollte möglichst alle Flüchtlinge nach Deutschland abschieben.
Im Oktober 1945 meldete die Gemeinde Zwettl an die Bezirkshauptmannschaft die Zahl der Ausländer, die sich zu dieser Zeit in Zwettl aufhielten. Es waren das 110 Reichsdeutsche, 230 aus der CSR Ausgewiesene und 32 Flüchtlinge aus anderen Gebieten.
Anfang Dezember mussten über Anordnung der Sicherheitsdirektion von Niederösterreich alle Reichsdeutschen, Volksdeutschen und Staatenlosen, die sich zu dieser Zeit noch in der sowjetischen Besatzungszone aufhielten, registriert und gemeldet werden. Überdies waren gesondert jene Flüchtlinge zu erfassen, welche seit 1. Jänner aus der Slowakei nach Österreich gekommen waren. Sie sollten ausgewiesen und den slowakischen Behörden übergeben werden, da man unter ihnen Kriegsverbrecher vermutete. Die Gemeinde Zwettl erstellte am 17. Dezember eine entsprechende Liste, in der acht Erwachsene und drei Kinder angeführt sind. Nicht alle von ihnen wurden aber tatsächlich ausgewiesen.

Quellen/Literatur:
Stadtarchiv Zwettl, Karton 122, Zl. 25, Aufenthaltsbewilligungen. Karton 123, Zl. 237/45, Liste über die aus der Tschechoslowakei ausgewiesenen Personen; Zl. 132, Rundscheiben der BH Zwettl vom 29. Mai 1945; Zl. 157/1945, Schreiben der BH Zwettl wegen deutscher Flüchtlinge aus Böhmen und Mähren vom 27. Juni 1945; Zl. 602/45, Schreiben der BH Zwettl vom 5. Dezember 1945, Ausweisung slowakischer Flüchtlinge; Zl. 607, Schreiben der BH Zwettl vom 6. Dezember 1945. Gemeinderatsprotokoll vom 15. Oktober 1945, Punkt V. der Tagesordnung.
Detlef Berentzen, „Vielleicht ein Narr wie ich“. Peter Härtling. Das biographische Lesebuch. (Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006).