
Aufruf zur Hilfeleistung - Stadtarchiv Zwettl, Karton 98, Reg.Nr. 258.
Vor 100 Jahren: Brandkatastrophe in Grafenschlag
Im Stadtarchiv Zwettl findet sich in Karton 98 ein Aufruf von Landeshauptmann Johann Mayer (1858–1941) zur Hilfe für die durch eine Brandkatstrophe schwer getroffene Bevölkerung von Grafenschlag.
Am 18. März 1921, dem Schmerzhaften Freitag (= Freitag vor Palmsonntag), brach im Haus des Franz Einsiedl jun. in Grafenschlag um 9.15 Uhr ein Feuer aus. Ursache dafür war vermutlich ein Fettbrand. Dabei fängt heißes Fett auf dem Herd Feuer. Die rasch herbeigeeilte Ortsfeuerwehr spritzte in die Küche, wo das Löschwasser in Verbindung mit dem brennenden Fett eine gewaltige Explosion erzeugte. Wie Augenzeugen berichteten, flogen brennende Fettkugeln aus dem Rauchfang und setzten die Hausdächer auf der gegenüberliegenden Straßenseite in Flammen. Ein starker Ostwind trieb die Funken über das Dorf, wo die während des milden Frühjahrs ausgetrockneten Schindel- und Strohdächern dem Feuer willkommene Nahrung boten. Ein wahres Inferno war die Folge.
Ein Flammen- und Rauchmeer hüllte den ganzen Ort ein. Um 10 Uhr begann auch das Kirchendach zu brennen. Der mit Blech gedeckte Turm hielt bis ½ 11 Uhr stand, dann sank der leergebrannte Turmhelm auf das Kirchendach herunter. Eben als auch der Pfarrhof zu brennen begann, traf die Feuerwehr von Traunstein ein und suchte zu retten, was noch zu retten war.
Der 78-jährige Ausnehmer Alois Huber, der die ohnehin schon geretteten Schweine in Sicherheit bringen wollte, und die 45-jährige an Epilepsie erkrankte Maria Stögmeier, die Einrichtungsgegenstände ins Freie bringen wollte, kamen in den Flammen um. Ihre verkohlten Leichen fand man in den nächsten Tagen. Das Feuer vernichtete 46 Häuser samt der Kirche. Zwölf Stück Großvieh, viele Schweine, Schafe, Gänse und Hühner kamen in den Flammen um. Das gesamte Ausmaß des Unglücks wurde erst in den Tagen nach dem Brand offenbar. Viele hatten kein Obdach mehr, keine Nahrungsmittel, keine Kleider, kein Futter für das Vieh.
Doch nun setzte eine Welle der Hilfsbereitschaft ein. Aus der gesamten Umgebung, von Zwettl bis Ottenschlag, wurden Lebensmittel gebracht. Am Gründonnerstag erschien Landeshauptmann Johann Mayer gemeinsam mit dem Bezirkshauptmann von Pöggstall[i] und brachte eine Million Kronen[ii], die in der Sparkasse Ottenschlag hinterlegt wurden. Am Ostermontag erschien die amerikanische Kinderhilfsaktion mit einer fahrbaren Feldküche, die durch drei Monate täglich zweimal an 40 Personen Reis, Kuchen, Erbsen, Kakao und Kaffee verabreichte.
Der Spendenaufruf des Landeshauptmanns brachte im Laufe des Jahres 31,5 Millionen Kronen. Außerdem gewähre die Getreideverkehrsanstalt Lebensmittelkredite in der Höhe von 200.00 Kronen, sodass die Zeit bis zur nächsten Ernte überbrückt werden konnte.
Quelle: Alois Mitterauer, Othmar K. M. Zaubek, Kleine Heimatkunde Marktgemeinde Grafenschlag, Grafenschlag 1978, S 42 f.
[i] Grafenschlag gehörte zu dem damals bestehenden Bezirk Pöggstall.
[ii] 100 Kronen im März 1921 entsprechen dem Wert von 3,33 Euro im Mai 2019. Quelle: Börsen-Kurier Mai 2019. Wien 2019.