1894, 31. August: Georg Schönerer verzichtet auf die Ehrenbürgerschaft von Zwettl

Die Vorgeschichte
1870 wird Georg Ritter von Schönerer Ehrenbürger von Zwettl
Georg Ritter von Schönerer mit 30 JahrenMit dem „Reichsvolksschulgesetz“ vom 14. Mai 1869 wurde neben zahlreichen anderen neuen Lehrgegenständen auch der Turnunterricht als obligatorisches Fach in Österreichs Pflichtschulen eingeführt. Von einer staatlich organisierten, flächendeckenden turnpädagogischen Ausbildung der Lehrer konnte bis zu diesem Zeitpunkt aber keine Rede sein. Es waren die nach 1861 entstandenen Turnvereine, allen voran der Erste Wiener Turn-Verein, die Kurse für interessierte Lehrer abhielten. Ab 1864 gewährte der Landtag von Niederösterreich immerhin erstmals acht Stipendien für Lehrer, die an diesen Kursen teilnahmen. 1870 gingen dann die niederösterreichische Statthalterei bzw. der Landesausschuss daran, die Turnlehrerausbildung zu institutionalisieren. Man kam überein, in jedem Landesviertel einen zentralen Ort auszuwählen, in dem Turnkurse für Lehrer abgehalten werden sollten. Neben St. Pölten, Wiener Neustadt und Korneuburg hatte man für das Waldviertel dabei an Zwettl gedacht.
Bezirkshauptmann Theodor Ritter von Kronenfels fragte im März 1870 bei der Stadtgemeinde Zwettl an, ob sie sich in der Lage sehe, die Voraussetzungen für solche Turnkurse zu schaffen. Die Stadtväter waren sich mit Sicherheit nicht bewusst, was da auf sie zukam, als sie sich dem Bezirkshauptmann gegenüber verpflichteten, die Turnkurse in Zwettl zu organisieren, denn Mitte Juli erfuhren sie, dass sie für den am 15. September startenden Kurs auf Gemeindekosten einen entsprechenden Turnapparat anzuschaffen hätten. Wie dieses Gerät aussehen sollte, ist leider nicht überliefert. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Gerätekombination, wie sie beim Jahn’schen Turnen Verwendung fand. Jedenfalls war in Zwettl ein derartiger Turnapparat nicht aufzutreiben. In Langenlois gab es zwei Tischler, die ein ähnliches Gerät bereits hergestellt hatten, einen neuen Turnapparat aber frühestens im Spätherbst liefern konnten. Außerdem ließen sich die Kosten für dieses Gerät nicht eindeutig zu beziffern. Die Angaben schwankten zwischen 193 und 400 Gulden.
So war guter Rat teuer. Einerseits wollten sich die Zwettler Gemeindeväter keinesfalls vor Bezirkshauptmann und Landesverwaltung blamieren, andererseits konnte man die geforderten Bedingungen aus eigener Kraft nicht erfüllen. In dieser peinlichen Situation wandte man sich an einen neuen Nachbar um Hilfe. Im nahen Schloss Rosenau wohnte seit 1869 Georg Ritter von Schönerer (1842-1921). Dieser stand wahrscheinlich schon damals in Kontakt zu Turnerkreisen. Jedenfalls sicherte er den Zwettler Gemeindevätern seine Hilfe zu, und er beauftragte sogleich sein Personal, allen voran den Forstmeister Steidl, für die Herstellung des gewünschten Turngerätes zu sorgen. Und tatsächlich, noch vor dem 15. September 1870 lieferten Rosenauer Fuhrleute den fertigen Turnapparat in Zwettl ab.
Dankschreiben SchönerersDie Kosten für Holz und Transport übernahm Schönerer zur Gänze selbst. Für Zimmermanns-, Schlosser-, Sattler-, Tischler- und Seilerarbeiten hatte er insgesamt 95 Gulden und 52 Kreuzer ausgegeben. In einem Brief vom 15. September teilte er der Stadtgemeinde Zwettl mit, dass er auf diese Summe verzichte, die Gemeinde möge diesen Betrag aber einem wohltätigen Zweck zuführen.
Am 22. Oktober 1870 beschloss die Gemeindevertretung der Stadt Zwettl einstimmig, Georg Ritter von Schönerer wegen dieser seiner Verdienste um die Gemeinde zum Ehrenbürger zu ernennen.1 Schönerer bedankte sich für diese Auszeichnung in einem Dankschreiben vom 30. März 1871.2
Der Turnkurs in Zwettl fand tatsächlich statt. Der Lehrer Johann Schoenbauer aus Martinsberg leitete ihn. Er hatte 1867 an einem Turnlehrgang des Ersten Wiener Turn-Vereins unter Johann Hoffer (1823-1891) erfolgreich teilgenommen. Allerdings war das Interesse an diesen Turnkursen in den einzelnen Landesvierteln nicht allzu groß. In Zwettl nahmen beispielsweise nur acht Lehrer aus dem hiesigen Bezirk teil, aus den Nachbarbezirken hatte sich niemand gemeldet. Der Bezirkshauptmann von Korneuburg, wo, wie bereits erwähnt, ein ähnlicher Kurs stattfand, regte bei der Statthalterei brieflich an, diese Kurse in Zukunft möglichst an den Standorten der neu gegründeten Lehrerbildungsanstalten abzuhalten, was letztlich auch geschah, und so blieb die Turnlehrerausbildung in Zwettl im 19. Jahrhundert eine kurze Episode.

Georg Schönerer um 1890Schönerers Verzicht auf seine Ehrenbürgerschaft
In den folgenden Jahren entwickelte Georg Ritter von Schönerer neben seiner Tätigkeit als Gutsherr umfangreiche politische Aktivitäten. So war er zwischen 1873 und 1874 sowie von 1885 bis 1888 Mitglied des Zwettler Gemeindeausschusses (Gemeinderates). Vor allem zog er aber ebenfalls bereits 1873 als Abgeordneter in den Reichrat ein. Er gründete die Alldeutsche Bewegung, war ein glühender Verehrer des deutschen Reichskanzlers Bismarck und von Kaiser Wilhelm I., gründete die Los-von-Rom-Bewegung in Österreich und gilt als der Gründer des politischen Rassenantisemitismus. Seine politische Agitation trug wesentlich zur Vergiftung des Klimas zwischen den Völkerschaften der Donaumonarchie bei. Adolf Hitler erwähnte ihn in „Mein Kampf“ als eines seiner Vorbilder...
Schönerer hatte zwar im späten 19. Jahrhundert in der Zwettler Bevölkerung eine beachtliche Anhängerschar, ebenso wie im gesamten Waldviertel und in weiten Teilen der Monarchie. Sein Verhältnis zur Zwettler Stadtregierung war allerdings zu dieser Zeit keineswegs konfliktfrei. Die Mehrzahl der Mitglieder der Zwettler Gemeindevertretung war klerikalen oder liberalen Gruppierungen, nicht aber Schönerers deutschnationaler Partei zuzurechnen.
Am 28. und 29. August 1894 fanden in Zwettl Gemeinderatswahlen statt. Damals gab es in Österreich noch kein gleiches und allgemeines Wahlrecht. Die Wahlberechtigten wurden nach ihrer Steuerleistung in drei Wahlkörper eingeteilt. Die Stimmen vermögender Staatsbürger hatten deutlich mehr Gewicht als solche wenig Begüteter. Frauen und arme Leute hatten kein Wahlrecht. Schönerers Parteigänger kandidierten 1894 im 3. Wahlkörper, das waren die Wahlberechtigten mit der geringsten Steuerleistung. Jeder der drei Wahlkörper entsandte - unabhängig von der Zahl der Wahlberechtigten - sieben Mitglieder in den Gemeindeausschuss. Für den 3. Wahlkörper waren 1894 in Zwettl 479 Männer wahlberechtigt, 303 von ihnen gaben ihre Stimme ab. Von den sieben aus diesem Wahlkörper gewählten Mitgliedern des Gemeindeausschusses gehörten sechs der liberalen Partei und nur einer, nämlich der Hammerschmied Josef Fürst, der deutschnationalen Partei Schönerers an, und auch dieser wurde nur mit einem denkbar knappen Überhang von 5 Stimmen gewählt. Auch die 14 vom ersten und zweiten Wahlkörper gewählten Ausschussmitglieder waren der liberalen Partei zuzurechnen.3
Schreiben Schönerers zum Verzicht auf seine EhrenbürgerschaftOb dieser eindeutigen politischen Niederlage erbost, verfasste Schönerer ein Schreiben4 an den Zwettler Gemeindevorstand mit folgendem Inhalt:
Herrn Gemeindevorstand der l. f.4Stadt Zwettl
der Gefertigte ersucht zur Kenntnis zu nehmen und die löbliche Gemeindevertretung hievon zu verständigen, daß derselbe auf die ihm am 22. Oktober 1870 einstimmig verliehene Ehrenbürgerschaft Verzicht leistet und daher ersucht, seinen Namen aus dem 1. Wahlkörper der Wählerliste zu streichen.
Achtungsvoll zeichnet
Georg Schönerer
Schloß Rosenau, 31. August 1894
5

 

F. Moll, 2011

 


1 StAZ, Ratsprotokolle, Sign. 2-21, Protokoll vom 22. Oktober 1870.
2 Stadtarchiv Zwettl (StAZ), Karton 72, Unprotokollierte Akten, Dankschreiben Schönerers vom 30. März 1871.
3 Zwettler Zeitung vom 1. Herbstmond (September) 1894, S. 67 und vom 15 Herbstmond 1894, S. 70 und 71.
4 l. f. = landesfürstliche.
5 StAZ, Kart. 85, Reg.Nr. 482/1894, Schreiben Georg Schönerers vom 31. August 1894.

 

Literatur (Auswahl)
Friedel Moll, Zur Geschichte des Turnunterrichts in Zwettl. In: Ottomar Demal/Volker Hakala (Hg.), Festschrift zur Eröffnung der Turnhalle der Hauptschule Zwettl-NÖ (Zwettl 1993) hier S. 49-68.
Friedel Moll / Michael Wladika, Georg Ritter von Schönerer (1842-1921). Ein alldeutscher Politiker aus dem Waldviertel. In: Harald Hitz / Franz Pötscher / Erich Rabl / Thomas Winkelbauer, Waldviertler Biographien, Band 3 (= Schriftenreihe des Waldviertler Heimatbundes 52, Horn-Waidhofen/Thaya 2010) S. 121-150. www.daswaldviertel.at
Eduard Pichl (Herwig), Georg Schönerer und die Entwicklung des Alldeutschtumes in der Ostmark, 6 Bde. (Wien 1897 bis 1938).
Friedrich Polleroß, 100 Jahre Antisemitismus im Waldviertel (= Schriftenreihe des Waldviertler Heimatbundes 25, Krems 1983). www.daswaldviertel.at 
Friedrich Polleroß (Hg.), „Die Erinnerung tut zu weh“. Jüdisches Leben und Antisemitismus im Waldviertel (= Schriftenreihe des Waldviertler Heimatbundes 37, Horn-Waidhofen/Thaya 1996). www.daswaldviertel.at 
Andrew G. Whiteside, Georg Ritter von Schönerer. Alldeutschland und sein Prophet (Graz-Wien-Köln 1981).
Michael Wladika, Hitlers Vätergeneration. Die Ursprünge des Nationalsozialismus in der k.u.k. Monarchie (Wien-Köln-Weimar 2005).